Black and white photo of a woman with wavy blonde hair, smiling softly, wearing a casual t-shirt and a bracelet on her wrist, with her hand resting behind her head.

Wer ich bin und wie diese Seite entstanden ist

Ich bin Almut, 53 Jahre alt und wurde in München geboren.

Als ich eineinhalb Jahre alt war, wurde ich aus einem Kinderheim adoptiert. Im Zuge meiner Adoption wurde ich 1976 eingebürgert und erhielt die deutsche Staatsangehörigkeit.

Davon wusste ich lange nichts. Seit ich denken konnte, hatte ich einen deutschen Pass. Für mich war deshalb selbstverständlich, dass ich schon immer Deutsche gewesen war. Dass ich trotz meiner Geburt in München erst im Zuge meiner Adoption eingebürgert worden war und meine Herkunft im damaligen Jugoslawien lag, wurde mir verschwiegen.

Nach außen bin ich gut aufgewachsen und war versorgt. Doch mir fehlten Liebe, Herzlichkeit, gemeinsames Lachen und vor allem die Sicherheit, wirklich dazuzugehören.

Ich wurde dazu erzogen, dankbar zu sein. Schließlich hatte man mich „geholt“. Sätze wie „Wer weiß, was sonst aus dir geworden wäre“ prägten mich. Sie erinnerten mich immer wieder daran, dass ich nicht das leibliche Kind war und nicht dasselbe Blut hatte.

Ich spürte eine Fremdheit in mir, ohne erklären zu können, woher sie kam. Ich wusste, dass etwas an mir anders war, kannte aber den entscheidenden Teil meiner eigenen Geschichte nicht.

Später wurde mir gesagt, man habe mich damit schützen wollen. Vielleicht hätte ich sonst meine leibliche Familie gesucht oder wäre weggegangen.

Aber ich wurde nicht vor meiner Herkunft geschützt.

Meine Herkunft wurde vor mir verborgen.

Erst 1990, als ich für meine Ausbildung zur Krankenschwester ein polizeiliches Führungszeugnis benötigte, stieß ich darin auf die Angabe „jugoslawisch“. Ich war vollkommen überrascht und fragte, ob dort vielleicht ein Fehler gemacht worden sei.

So erfuhr ich zum ersten Mal, dass meine Geschichte eine andere war als die, an die ich bis dahin geglaubt hatte. 1999 entdeckte ich schließlich durch einen Sperrvermerk in meinen Unterlagen den Namen meiner leiblichen Mutter.

Als Kind hatte ich mich oft gegen das gewehrt, was meine Adoptiveltern aus mir machen wollten. Damals konnte ich noch nicht erklären, warum. Heute glaube ich, dass es meine Art war, an dem unbekannten Teil von mir festzuhalten.

Ihr konntet mich von meiner Herkunft trennen, aber nicht bestimmen, wer ich bin.

Das späte Wiederfinden und eine neue Stille

Meine bosnische Familie fand ich erst 2024, nach mehr als 50 Jahren. Ein kleiner Schreibfehler im Familiennamen meiner leiblichen Mutter hatte dazu geführt, dass ich sie all die Jahre nicht finden konnte.

Meine leibliche Mutter und meine Halbgeschwister waren vor dem Krieg geflohen und hatten in Italien ein neues Zuhause gefunden. Dort lernte ich meine Familie kennen und sah zum ersten Mal Menschen, die mir ähnlich waren.

Als ich diese Reise antrat, wollte ich meiner leiblichen Mutter verzeihen. Nicht, um ungeschehen zu machen, was geschehen war, sondern um Frieden mit einem Teil meiner Geschichte zu schließen. Ich spürte, dass ich ihr verzeihen musste, damit ich auch mir selbst verzeihen konnte.

Ich durfte sie sehen. Ich durfte ihr begegnen. Etwas, das ich mir so lange nur in meinen Träumen vorgestellt hatte, wurde Wirklichkeit.

In diesen Begegnungen spürte ich eine körperliche Vertrautheit, die ich bis dahin nicht gekannt hatte und die sich kaum in Worte fassen lässt. Auch wenn später vieles schwierig wurde, kann mir niemand diese Momente nehmen. Allein dafür hat sich meine Reise gelohnt.

Doch zwischen uns stand eine große Hürde. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache und waren bei unseren Gesprächen immer auf einen Übersetzer angewiesen.

Nach mehr als 50 Jahren hatte ich so viele Fragen. Fragen zu meiner Geburt, meiner Familie, meiner Herkunft und zu all den Jahren, in denen ich nichts von ihnen gewusst hatte. Aber ich konnte sie nicht einfach selbst stellen und auch die Antworten meiner Familie nicht unmittelbar verstehen.

Ein Übersetzer kann Worte in eine andere Sprache übertragen. Doch Gefühle, Zwischentöne und all das Ungesagte lassen sich nicht immer mitübersetzen. Meine Gedanken und Gefühle wurden in einer anderen Sprache wiedergegeben und bekamen dadurch manchmal eine andere Wirkung oder vielleicht sogar eine andere Bedeutung.

Es waren meine Gedanken und meine Gefühle, aber nicht mehr meine eigenen Worte.

Ich hatte meine Familie endlich gefunden und konnte trotzdem nicht wirklich mit ihr sprechen. Die Nähe, nach der ich so lange gesucht hatte, konnte dadurch kaum entstehen. Viele Fragen blieben unbeantwortet und vieles blieb unausgesprochen.

Über diese Schwierigkeit beim Wiederfinden der eigenen Familie hatte ich vorher kaum etwas gehört. Nach außen klingt das Finden oft wie ein glückliches Ende. Für mich war es das nicht.

Nach nur drei Begegnungen brach der Kontakt ab, ohne dass ich bis heute weiß, warum. Dieser erneute Bruch zog mir den Boden unter den Füßen weg.

Und dennoch war diese Reise nicht umsonst.

Ich habe meine Mutter gefunden und durfte ihr begegnen. Ich habe ihr verziehen und dadurch auch mir selbst. Die verlorene Zeit lässt sich nicht zurückholen und unsere gemeinsame Geschichte lässt sich nicht neu schreiben. Aber ein Traum, den ich so viele Jahre in mir getragen hatte, ist Wirklichkeit geworden.

Der Kontakt ist abgebrochen. Doch das, was ich auf dieser Reise gefunden habe, bleibt.

Heute kenne ich zumindest einen Teil meiner Herkunft. Ich weiß, woher ein Teil von mir kommt. Ich habe meine leibliche Mutter gesehen und Menschen kennengelernt, die mir ähnlich sind.

Ich komme nicht aus dem Nichts.

Heute habe ich weder zu meiner Adoptivmutter noch zu meiner leiblichen Mutter Kontakt. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, stehe ich zu meiner Herkunft.

Ich habe eine Änderung meines Geburtsnamens angestoßen, die derzeit von den Behörden geprüft wird. Ich möchte den bosnischen Familiennamen meiner leiblichen Mutter tragen. Nicht, weil zwischen uns heute alles gut wäre, sondern weil dieser Name zu meiner Herkunft und damit zu mir gehört.

Ich gehe meinen Weg mit allen Konsequenzen. Ich hole mir zurück, was immer ein Teil von mir hätte sein dürfen, und setze meine eigene Geschichte Stück für Stück zusammen.

Dabei habe ich erkannt, dass ich mir längst selbst ein eigenes und liebevolles Leben aufgebaut habe.

Ich habe mich vor vielen Jahren selbst adoptiert.

Heute weiß ich es.

Warum es diese Seite gibt

Natürlich sucht man nicht mehr als 50 Jahre lang rund um die Uhr. Es gab Zeiten, in denen mein Leben weiterging und andere Dinge im Vordergrund standen. Doch die Suche und die Gedanken an meine Herkunft kamen immer wieder zurück.

Manchmal genügte eine kleine Begegnung am Tag. Ein Moment, in dem ich erlebte, wie selbstverständlich andere Menschen von ihrer Familie erzählten. Menschen, die wussten, woher sie kamen, wem sie ähnlich sahen und wo ihre Wurzeln lagen.

Solche Momente berührten etwas in mir. Oft nahm ich sie mit in die Nacht. Wenn alles still wurde und ich nicht schlafen konnte, waren die alten Fragen plötzlich wieder da.

Woher komme ich eigentlich?

Wie hätte ich gelebt?

Wie wäre ich groß geworden?

Wäre ich in meiner leiblichen Familie anders aufgenommen worden?

Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich bei meinen Wurzeln hätte bleiben dürfen?

Auf diese Fragen gab es keine Antworten. Zurück blieb eine Traurigkeit, die sich wie ein Schleier über alles legte.

Es waren nicht immer die großen Ereignisse, die am meisten wehtaten. Oft waren es gerade diese kleinen Augenblicke im Alltag, die mich daran erinnerten, dass andere eine feste Familie hatten und ihre eigene Geschichte kannten. Für mich waren das die grausamsten Momente.

In solchen Nächten suchte ich nach meiner Familie, nach Antworten und nach anderen Menschen, die Ähnliches erlebt hatten. Aber ich fand kaum etwas, das mir wirklich half oder in dem ich mich wiedererkannte.

Eine Seite wie diese hätte mir damals gutgetan. Ein Ort, an dem ich gespürt hätte, dass ich mit meinen Fragen, meiner Sehnsucht und meiner Suche nicht allein bin.

Deshalb habe ich diese Seite ins Leben gerufen.

Für Menschen wie uns.

Für die Nachtsucher.

Für diejenigen, die manchmal nicht schlafen können, weil eine Begegnung am Tag etwas Altes in ihnen berührt hat. Für alle, die sich fragen, woher sie kommen, wie ihr Leben vielleicht hätte aussehen können und welcher Teil ihrer Geschichte ihnen noch fehlt.

Ich weiß noch nicht, wie sich diese Seite entwickeln wird, ob sie angenommen wird und was daraus eines Tages entstehen kann.

Vielleicht entstehen neue Ideen. Vielleicht verändern sich auch unsere Geschichten und Gedanken mit der Zeit. Deshalb bin ich auf euch angewiesen, auf eure Erfahrungen, eure Geschichten und eure Anregungen.

Diese Seite steht noch am Anfang.

Mal sehen, was wir gemeinsam daraus machen.